Interview
Dr. Felix Nieberding, Umweltwissenschaftler , Mitbegründer und CFO des Start-ups Drought Analytics

Die Magie passiert im Backend

Felix Nieberding CFO Drought Analytics
Quelle: Redaktion Bioökonomie.de
Felix Nieberding CFO Drought Analytics

Drought Analytics verbindet Bodenfeuchtesensorik mit einem physikalischen Pflanzenwachstumsmodell, um Landwirten präzise Bewässerungsempfehlungen zu geben. Gründer Felix Nieberding will mit dem Start-up helfen, Wasser in Zeiten zunehmender Dürre effizienter einzusetzen.


Wie viel Wasser braucht eine Pflanze wirklich, und wann muss bewässert werden? Drought Analytics beantwortet diese Frage nicht mit Bauchgefühl oder Regenradar, sondern mit Bodenfeuchtedaten aus dem Wurzelraum und einem physikalischen Pflanzenwachstumsmodell. Die Hightech steckt dabei im Hintergrund: Im Backend werden Messdaten und Modell verschmolzen, sodass eine möglichst präzise Vorhersage für die kommenden Tage entsteht. So sollen Landwirte entscheiden können, ob sie heute, morgen oder übermorgen bewässern müssen, und zwar abhängig von Bodenart, Wettervorhersage, Pflanzenwachstum und Verbrauch. In Zeiten zunehmender Dürre und Wasserknappheit zielt das Start-up darauf, jeden Kubikmeter Wasser so sparsam und zielgenau wie möglich einzusetzen.

Dr. Nieberding, Ihr Start-up ist eine Ausgründung aus dem Forschungszentrum Jülich. Welches generelle Problem adressieren Sie?

Wir hatten in den letzten 25 Jahren richtig viele Dürreereignisse und Wasserknappheit wird in der Landwirtschaft zunehmend zum Problem. Genau deshalb ist das Thema Bewässerung und Wassermanagement in der Landwirtschaft immer wichtiger geworden. Wir werden jetzt schon jedes Jahr mit der Dürre-Thematik konfrontiert. Deshalb wird es in den kommenden Jahren in vielen Bereichen Deutschlands noch stärker darauf ankommen, jeden Kubikmeter Wasser so sparsam wie möglich einzusetzen.

Wie können Sie Landwirte bei einer sparsameren Bewässerung unterstützen – was unterscheidet Ihr System von deren Alltagspraxis?

Normalerweise schauen die Landwirte fast jeden Tag mehrmals auf ihr Handy, gucken sich in den Wetterapps das aktuelle Regenradar an und grübeln, wieviel Wasser denn jetzt tatsächlich bei ihren Pflanzen ankommt. Aber das, was oberhalb der Erdoberfläche passiert, ist nicht das ganze Bild. Was wirklich zählt, ist das Wasser unter der Erde, im Wurzelraum. Viele Landwirte versuchen, die Bodenfeuchte mit Spatenprobe oder Finger im Boden selbst einschätzen, aber das gilt nur für die obersten Zentimeter. Pflanzen reichen jedoch weit in die Tiefe und können auch Wasser anzapfen, das man an der Oberfläche nicht sieht. Genau das können wir mit unserer Bodenfeuchtesensorik erfassen. 
Wir haben nun ein System entwickelt, bei dem wir Bodenfeuchtesensoren mit einem intelligenten Pflanzenwachstumsmodell verbinden und so den Wasserbedarf von gängigen Kulturpflanzen in die Zukunft berechnen können. Der Landwirt weiß also, wie viel Wasser er wann und wo bewässern muss, damit seine Pflanzen optimal versorgt sind und damit wir nicht mehr Wasser verbrauchen als nötig.

Wo genau steckt in Ihrem Produkt die Hightech?

Unsere Hightech-Lösung ist ein physikalisches Pflanzenwachstumsmodell, das die Wasserverfügbarkeit und den Transport im Boden haargenau abbildet. Wir können tatsächlich berechnen, wie sich das Wasser im Boden bewegt, von der Pflanze weg, zur Pflanze hin und durch die Pflanze in die Atmosphäre, um dann vorherzusagen, wie viel Wasser die Pflanze in den kommenden Tagen benötigt. Die Hightech findet also im Backend statt: Dort passiert die Magie. Wir verschmelzen die Messdaten mit einem physikalisch basierten Pflanzenwachstumsmodell, das wirklich Hightech darstellt, um die beste Vorhersage am Markt liefern zu können.

Wie kommen die Messdaten in Ihr System, und was kann die App am Ende leisten?

Wir nutzen eine Bodenfeuchte-Profilsonde, die die Bodenfeuchtigkeit bis in 50 Zentimeter Tiefe misst, und zwar alle zehn Zentimeter. Das Messsignal wird von einem solarbetriebenen Funklogger direkt an unseren Server übertragen, und dort werden die Messdaten mit dem Modell zusammengeführt. Das Modell kennt dadurch den aktuellen Zustand im Feld und kann in die Zukunft rechnen, um eine optimale Vorhersage zu liefern. Mit unserer App kann der Landwirt dann direkt entscheiden, wann er bewässern muss und wie viel. Er bekommt eine Empfehlung, ob er heute, morgen oder übermorgen bewässern muss, abhängig von Wettervorhersage, Pflanzenwachstum und Verbrauch.

Was empfinden Sie gerade persönlich als Herausforderung?

Für mich ist gerade der Vertrieb eine Herausforderung und dass die Idee endlich zum Laufen kommt. Unser Start-up ist ja eine Ausgründung vom Forschungszentrum Jülich, also direkt aus der Forschung heraus, das heißt: Wir sind Wissenschaftler und keine Verkäufer. Ich hoffe, dass wir auch so Landwirte von unserem System überzeugen können, denn wir sind es. 

Das Interview führte Tamara Worzewski