Fette stecken in Tagescreme und Lippenstift, in Schokolade und Fleischalternativen. Bislang stammen sie meist aus Palmöl, Kokosöl oder tierischen Quellen, die ökologisch und ethisch unter Druck stehen. Das schwedische Biotech-Unternehmen Melt&Marble aus Göteborg hat einen anderen Weg eingeschlagen. Es nutzt Präzisionsfermentation, um Fette gezielt auf Molekülebene zu entwerfen, und hat dafür im Dezember 2025 eine Serie-A-Finanzierungsrunde über 7,3 Millionen Euro abgeschlossen. Zusammen mit einer zuvor erhaltenen Förderung des EIC Accelerator (Europäischer Innovationsrat) in Höhe von 2,5 Millionen Euro sowie 260.000 Euro aus dem Rahmenprogramm Horizon Europe beläuft sich die Gesamtfinanzierung auf rund 10 Millionen Euro. Zu den Investoren gehören neben dem schwedischen Deeptech-Investor Industrifonden Unternehmen wie Beiersdorf, der finnische Molkereikonzern Valio sowie, Chalmers Ventures und Catalyze Capital.
Fette von der Molekülstruktur her gedacht
Bei der Präzisionsfermentation werden Mikroorganismen gezielt so programmiert, dass sie bestimmte Moleküle herstellen, die sonst nur aus Tieren oder aufwändig kultivierten Pflanzen gewonnen werden können. Melt&Marble nutzt dieses Verfahren, um Fette mit genau definierten Eigenschaften zu erzeugen, etwa mit einer bestimmten Textur, einem angestrebten Schmelzpunkt oder einer erhöhten Bioaktivität. Diese sogenannten Designerfette sollen konventionellen pflanzlichen und tierischen Fetten in Funktionalität und Sensorik überlegen sein und sich gleichzeitig kostengünstig und lokal produzieren lassen. Das Produktportfolio von Melt&Marble reicht von Fetten für Fleisch- und Milchalternativen sowie Backwaren und Schokolade bis zu Hautpflege- und Haarpflegeprodukten. Im Bereich Kosmetik könnten so beispielsweise klassische Pflegefette durch lokal herstellbare, tierfreie Alternativen ersetzt werde.
Marktstart 2026 mit Kosmetik, Lebensmittel folgen
Mit dem frischen Kapital steht Melt&Marble nach eigenen Angaben kurz vor dem kommerziellen Markteintritt. Für 2026 ist der Launch erster Inhaltsstoffe im Bereich Kosmetik geplant. Die Produktion soll über einen bestehenden kommerziellen Fertigungspartner erfolgen, wodurch das Unternehmen ohne große eigene Investitionen in Anlagen skalieren kann. Parallel laufen Vorbereitungen für den US-amerikanischen Lebensmittelmarkt, wo regulatorische Wege für Präzisionsfermentations-Produkte als vergleichsweise schneller gelten. Co-Development-Projekte mit Industriepartnern aus Europa und den USA sind bereits im Gang.
Für die Bioökonomie steht Melt&Marble exemplarisch dafür, wie biotechnologische Verfahren neue Rohstoffquellen erschließen können, die weder Ackerflächen für Ölpflanzen beanspruchen noch auf Tierhaltung angewiesen sind. Die entscheidende Frage der nächsten Jahre bleibt, ob die Fette auch im Großmaßstab zu wettbewerbsfähigen Kosten produziert werden können und regulatorische Zulassungen in der Europäischen Union (EU) rechtzeitig erteilt werden.
ag