Interview
Dr. Olga Fishkis, Agrarwissenschaftlerin , Verbundkoordinatorin am Institut für Zuckerrübenforschung (IfZ) Göttingen

„Das ist für uns ganz klar Hightech in der Landwirtschaft“

Olga Fishkis Portrait quadratisch auf den DLG Feldtagen
Quelle: Die Blattmacher GmbH
Olga Fishkis Portrait quadratisch auf den DLG Feldtagen

Olga Fishkis vom DiP-ZAZIkI-Projekt spricht über „Strip-Till“, Drohnenbilder und KI im Zuckerrübenanbau. Ziel ist ein klimaangepasstes System, das in trockenen Regionen funktioniert und sich in der Praxis bewährt.


Diese Zuckerrübenfelder sind ungewöhnlich: Zwischen den Rüben liegt nicht blanke, schwarze Erde, sondern hier bleiben Pflanzenreste stehen. Auf dem Acker wird nicht nur bodenschonend bearbeitet und gesät, sondern auch geflogen, gemessen und gerechnet. Olga Fishkis erklärt im Gespräch, wie das DiP-ZAZIkI-Projekt in Sachsen-Anhalt Zuckerrüben mit Streifenbodenbearbeitung, Satellitendaten und Künstlicher Intelligenz zukunftsfähig machen will. Gerade in einer ohnehin trockenen Region soll der Anbau so klimaangepasster werden, Wasser sparen und zugleich belastbare Daten für die Praxis liefern. Die Forschung läuft direkt im Feld, gemeinsam mit Betrieben und unter echten Bedingungen.

Frau Dr. Fishkis, worum geht es im DiP-ZAZIkI-Projekt ganz grundsätzlich, und warum ist es Ihnen wichtig, den Zuckerrübenanbau in der Region zu erhalten?

Wir erproben und bewerten verschiedene Anbausysteme für Zuckerrüben im Vergleich zum praxisüblichen Anbau unter echten Bedingungen auf dem Feld. Das Ziel des ZAZIkI-Projekts ist eine ressourcenschonende, klimaresiliente und gleichzeitig wirtschaftliche Alternative für den Zuckerrübenanbau zu finden.

Diese Region ist generell -trocken, mit sehr niedrigem Jahresniederschlag. Und jetzt wird es noch trockener, dazu kommen mehr Extremwetterereignisse. Wenn man die Zuckerrübe hier weiter anbauen will, braucht man also ein System, das Wasser sparsamer nutzt. Genau dafür ist die Streifenbodenbearbeitung interessant, weil sie hilft, mit weniger Wasser auszukommen.

So bleibt die Zuckerrübe vielleicht auch unter schwierigeren Klimabedingungen eine Kultur, die hier weiterhin wirtschaftlich angebaut werden kann.

Um die Rübe hier zu erhalten, setzen Sie auf „Strip-Till“ beziehungsweise Streifenbodenbearbeitung. Was ist das, worin liegt der Vorteil gegenüber dem gewöhnlichen Rübenanbau und wo steckt hier High-Tech drin?

Strip-Till bedeutet: Es wird nur in der Saatreihe gelockert und zwischen den Rübenreihen bleiben die Pflanzenreste unberührt liegen. Die liegen da und schützen vor Austrocknung und Erosion. Genau das ist wichtig, weil die Region generell sehr trocken ist und es durch weniger Niederschlag und mehr Extremwetter noch schwieriger wird. Zusätzlich möchten wir durch die Kombination von Streifenbodenbearbeitung, Düngung und Aussaat in einem Arbeitsgang die Zahl der Feldüberfahrten und damit den Kraftstoffverbrauch sowie den Arbeitsaufwand reduzieren. Dadurch soll nicht nur mehr Wasser im Boden gespeichert werden, sondern auch der Ressourcenverbrauch und die Anbaukosten gesenkt werden.

Die Kosten und Nachhaltigkeit eines Anbausystems für Zuckerrüben hängen jedoch nicht nur von der Art der Bodenbearbeitung ab, sondern auch von den zuvor durchgeführten Maßnahmen. Nach der Ernte der vorangegangenen Kultur (oft Wintergetreide) wird in manchen Betrieben im August oder September eine Zwischenfrucht ausgesät – diese wird nicht geerntet, sondern wird aus Boden- und Gewässerschutzgründen angebaut. Die Zwischenfrucht kann alternativ bereits vor der Getreideernte per Drohne ausgesät werden. In anderen Betrieben wird dagegen ganz auf den Anbau einer Zwischenfrucht verzichtet.  Wir untersuchen, wie diese Unterschiede in den Anbaumaßnahmen vor Streifenbodenbearbeitung die Rübenerträge, Kosten, Wasserspeicherung und Treibhausgasemissionen beeinflussen. 

Sie betreiben hierfür eine sogenannte On-Farm-Forschung, also eine angewandte Agrarforschung, die direkt auf den landwirtschaftlichen Nutzflächen der Betriebe stattfindet. Was bedeutet das konkret für Sie und wie arbeiten Sie mit den Landwirtinnen und Landwirten zusammen?

On-Farm-Forschung ist quasi ein Treffen von Forschung und Praxis. Wir arbeiten mit wissenschaftlichen Methoden unter praxisnahen Bedingungen. Auf großen Streifen werden Untersuchungen durchgeführt, nicht auf kleinen limitierten Parzellen wie sonst meist in der Forschung. Die meisten Maßnahmen im Feld machen die Landwirtinnen und Landwirte selbst nach Absprache mit uns. Wir kommen dann dazu, wenn innovative Verfahren gefragt sind, etwa bei der Streifenbodenbearbeitung, bei Drohnenflügen oder beim Einbauen von Sensoren.

Welche Rolle spielen Drohnen, Satellitenbilder und KI in Ihrem Projekt – und wie aufwendig ist ein KI-Training?

Satellit und Drohne ergänzen sich bei uns. Der Satellit deckt die Fläche ab und ist Personenunabhängig, Drohnen brauchen Piloten und liefern dafür die Auflösung im Zentimeterbereich, erst damit sieht man Lücken im Bestand oder das Wachstumsstadium einer einzelnen Pflanze. Genau diese Kombination macht es möglich, dass man nicht mehr jeden Schlag einzeln abfahren muss. Das spart Feldfahrten und macht die Auswertung deutlich effizienter.

Damit das Auswerten der Satelliten- und Drohnenbilder funktioniert, brauchen die KI-Modelle vor allem eins: Ein Training auf Grundlage sehr vieler Bilder. Pro Wachstumsstadium reden wir realistisch von ein paar tausend Aufnahmen, Positionsgenau vermessen und in mehreren Maßstäben aufbereitet. Bei zwanzig Wachstumsstadien kommen so schnell über 20.000 Bilder zusammen, verteilt über zwei komplette Anbausaisons, mehrere Standorte und mehrere Zuckerrübensorten. Sonst lernt das Modell am Ende nur eine Sorte auswendig, statt das Stadium zu erkennen. Das ist der eigentliche Aufwand hinter dem Projekt. In der Vegetationszeit steht die Kollegin fast jeden Tag auf dem Feld, fliegt die Bestände mit der Drohne ab und vermisst händisch und visuell die Zuckerrüben. Erst wenn genug Daten zusammengekommen sind, beginnt die eigentliche Arbeit am Rechner, dann wird das Verfahren trainiert und weiterentwickelt.

Was sind die größten Herausforderungen im Projektalltag und was soll aus dem Projekt schlussendlich entstehen?

Eine große Herausforderung war es, überhaupt eine Maschine für die Streifenbodenbearbeitung zur Zuckerrübenaussaat zu finden. Wir haben jetzt einen Hersteller aus Polen gefunden und bringen die Maschine extra hierher. Dazu kommt, dass On-Farm-Forschung viele Beteiligte zusammenbringt aus Forschung,  Landwirtschaft, Anbauverbänden und Industrie. Das alles zu koordinieren ist nicht einfach. Und natürlich spielt auch die Witterung immer mit hinein – das ist im Pflanzenbau sowieso ein klassisches Problem. Wir sehen starke Jahresunterschiede: In einem Jahr kann etwas problemlos laufen, im nächsten gibt es plötzlich ganz andere Bedingungen, zum Beispiel mehr Unkraut durch ungewöhnlich viel Niederschlag. 

Am Ende wollen wir möglichst viele Landwirtinnen und Landwirte in der Region von klimaangepasstem Anbau überzeugen. Außerdem soll aus dem Projekt eine Entscheidungshilfe entstehen, mit der sich ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit verschiedener Anbausysteme einschätzen lassen.

Das Interview führte Tamara Worzewski