Warum sind Humuszertifikate Ihrer Ansicht nach kein wirkungsvolles Instrument für den Klimaschutz?
In Deutschland gibt es gegenwärtig keine Regulierung bei den sogenannten Humuszertifikaten. Jeder kann Zertifikate herausgeben und jeder Zertifikatsanbieter legt seine eigenen Methoden fest. Humuszertifikate suggerieren, dass sich damit Emissionen aus anderen Sektoren ausgleichen lassen. Ihre klimatische Wirkung ist aber vermutlich deutlich geringer als die zertifizierten CO2-Mengen, so dass Gelder für den Klimaschutz nicht effizient eingesetzt werden. Zum einen können die privaten Zertifikatsanbieter die Permanenz der Kohlenstoffspeicherung nicht garantieren. Selbst wenn die Maßnahmen fortgesetzt werden, können Klimaveränderungen dazu führen, dass Kohlenstoff abgebaut wird. Eine Klimaerwärmung fördert zum Beispiel den Humusabbau und Modellrechnungen gehen davon aus, dass Carbon Farming Maßnahmen allein nicht reichen, die heutigen Kohlenstoffgehalte zu bewahren. Da bei den Zertifikaten die Kohlenstoff-Messungen nach spätestens 10 Jahren enden, werden spätere Kohlenstoffverluste nicht einmal bemerkt.
Ein weiteres Problem ist: bei auf Messungen basierenden Zertifikaten wird nicht geprüft, wie der Kohlenstoffzuwachs zustandekommt – etwa durch das Ausbringen von Gülle oder Kompost, was zu einer schnellen Zunahme an Boden-Kohlenstoff führt. Für das Klima ist das ein Nullsummenspiel. Fraglich ist zudem, ob einige Carbon-Farming-Maßnahmen nicht auch ohne die Zertifikate umgesetzt worden wären. Ein letztes Problem betrifft alle Arten von auf Kohlenstoffspeicherung basierenden Emissionsausgleichsmaßnahmen: Aktuell geht man davon aus, dass eine Tonne gespeicherten Kohlenstoffs die Klimawirkung einer Tonne freigesetzten Kohlenstoffs aufhebt. Einige Forschungsergebnisse deuten allerdings darauf hin, dass in Folge klimatischer Puffersysteme die Klimawirkung von freigesetztem Kohlenstoff möglicherweise stärker ist als die von gespeichertem. Hier besteht dringend weiterer Forschungsbedarf.
Interview: Beatrix Boldt