Je nach Herkunft und Verarbeitung der Biomasse werden unterschiedliche Bioraffinerie-Konzepte unterschieden. Werden landwirtschaftliche Reststoffe wie Getreidestroh oder aber Holz eingesetzt, so besteht diese Biomasse überwiegend aus Lignocellulose. Dieser „Verbundwerkstoff“ setzt sich aus den drei Naturstoffen Cellulose, Hemicellulose und Lignin zusammen. Cellulose ist eines der wichtigsten Kohlenhydrate auf der Erde, es handelt sich dabei um langkettige Moleküle, die insbesondere in der pflanzlichen Zellwand vorkommen. Lignine wiederum sind Stoffe, die in der pflanzlichen Zellwand als Gerüstsubstanzen eingelagert sind. Aus chemischer Sicht ist Lignin ein komplexes Biopolymer, das aus aromatischen Grundbausteinen zusammengesetzt ist. Besonders ligninreich sind verholzte Pflanzenteile.
Der Vorteil in lignocellulosereichen Materialien: Sie konkurrieren in der Regel nicht mit der Nahrungsmittelproduktion (Non-food-Biomasse) und sind auch hierzulande in ausreichenden Mengen verfügbar. Eine technische Herausforderung bleibt das Zerlegen der Lignocellulose in ihre Bestandteile. Das Zuckergemisch aus Cellulose und Hemicellulose lässt sich mithilfe von Enzymen zu weiteren Produkten zerkleinern und bearbeiten. Lignin wird bisher vor allem als Brennstoff energetisch verwendet, ist aber auch ein interessantes Ausgangsmaterial für die Produktion von Chemikalien.
Holz als Basis: Bioraffinerie-Forschungszentrum in Leuna
Ein Spitzenzentrum für Bioraffinerie-Forschung ist im traditionsreichen Chemie-Dreieck in Mitteldeutschland entstanden. Eingebettet in den Chemiestandort in Leuna ist dort 2012 ein 2.000 Quadratmeter großes Forschungszentrum eröffnet worden: Das Fraunhofer-Zentrum für Chemisch-Biotechnologische-Prozesse (CBP). Insgesamt wurden vom Bundesforschungsministerium, dem Bundeslandwirtschaftsministerium, dem Bundesumweltministerium, dem Land Sachsen-Anhalt und der Fraunhofer-Gesellschaft 53 Mio. Euro in das Vorzeigeprojekt investiert. Der CBP-Gebäudekomplex bietet Platz für mehrere Pilot- und Technikumsanlagen, Labore und Büroräume. Es stehen fünf verschiedene Prozessanlagen bereit. Im Fokus steht die integrierte stoffliche Nutzung von Lignocellulose aus Holz. Für die Verwertung der Lignocellulose werden in einem frühen Schritt in der Verfahrenskette Holzhackschnitzel in einer Art Schnellkochtopf in die Bestandteile Cellulose, Hemicellulose und Lignin aufgetrennt (Organosolv-Verfahren). Das Lignin kann als Bindemittel oder als Werkstoff eingesetzt werden. Die Cellulose- und Hemicellulose-Fasern werden mithilfe von Enzymen in die Zuckermoleküle Glucose und Xylose zerstückelt.
Damit lassen sich Mikroben füttern, die verschiedene Chemikalien herstellen können. Das Fraunhofer CBP will eine Lücke zwischen Labor und industrieller Umsetzung schließen: Die vorhandene Infrastruktur ermöglicht Kooperationspartnern aus Forschung und Industrie, die Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit von biotechnologischen und chemischen Prozessen zur Nutzung nachwachsender Rohstoffe bis zum industriellen Maßstab zu testen. Das CBP ist auch Kernstück des Clusters „BioEconomy“ in Mitteldeutschland, der sich Anfang 2012 erfolgreich im Spitzencluster-Wettbewerb des Bundesministeriums für Bildung und Forschung durchgesetzt hat.
Biosprit aus Stroh: Cellulose-Ethanol aus Straubing
Im bayerischen Straubing hat das Chemieunternehmen Clariant Deutschlands größte Demonstrationsanlage zur biotechnologischen Gewinnung von Biokraftstoffen der zweiten Generation aufgebaut. In dem 28 Mio. Euro teuren Anlagenkomplex, gefördert vom BMBF und der bayerischen Landesregierung, entsteht seit 2012 aus dem Reststoff Weizenstroh und anderen Feldabfällen der Treibstoff Ethanol. Bei dem sunliquid-Verfahren wird die in den Pflanzenfasern steckende langkettige Lignocellulose mithilfe von Mikroben und Enzymen in kleinere Zuckermoleküle zerlegt, Hefen vergären diese dann in einem weiteren Schritt zu Biosprit. Das Verfahren läuft nahezu klimaneutral ab. Jährlich lassen sich so rund 4.500 Tonnen Stroh in 1.000 Tonnen Cellulose-Ethanol umwandeln. Im Rahmen einer Kooperation mit dem Autohersteller Mercedes-Benz und dem Mineralölunternehmen Haltermann sind bereits erste Flottentests gestartet. Dabei soll sich ein Gemisch aus 20 % Bioethanol und 80 % Superbenzin für den alltäglichen Einsatz in Serienfahrzeugen beweisen.
Ein BMBF-gefördertes Netzwerk aus Forschern der Technischen Universität Hamburg-Harburg und aus Berlin, das sich mit der technischen Weiterentwicklung von Bioraffineriekonzepten beschäftigt, hat sich unter dem Namen „Bioraffinerie 2021“ zusammengeschlossen. Im Fokus stehen auch hier Verfahren, mit denen sich lignocellulosehaltige Biomasse industriell besser verwerten lässt. Dabei zielen die Forscher besonders darauf ab, die Gewinnung der Wertstoffe Lignin und Xylose weiter zu optimieren.
Grüne Bioraffinerien
Andere Plattformen, die auch lignocellulosehaltige Biomasse verwenden, sind grüne Bioraffinerien: Sie nutzen feuchte Biomasse wie Gras (Firma biopos, Selbelang in Brandenburg) oder Grassilage (Firma Biowert, Brensbach in Hessen) als Ausgangsstoff. Im Verwertungsprozess entstehen zunächst Grassaft und Grasfasern. Der Grassaft wird meist direkt in eine angekoppelte Biogasanlage gegeben, die Grasfaser kann zu Futtermitteln verarbeitet werden oder als Material für Dämmstoffe, Cellulosefasern oder faserverstärkte Kunststoffe dienen.