Die Anwendungsbereiche für biobasierte Werkstoffe sind vielfältig, vor allem wenn es sich um biobasierte Kunststoffe handelt. Von A wie Armaturenbrett über B wie Brotdose, C wie Computergehäuse, D wie Dübel bis Z wie Zahnbürste, in allen Lebensbereichen sind Kunststoffe zu finden – daher gibt es auch für die biobasierten Alternativen ein großes Nutzungspotential.
Im Jahr 2014 wurden weltweit 311 Mio. Tonnen Kunststoffe produziert, laut Branchenverband European Bioplastics aber nur 1,7 Mio. Tonnen Bioplastik. Diese Zahl hat sich 2016 mehr als verdoppelt, inzwischen wurden weltweit 4,16 Mio. Tonnen biobasierte Kunststoffe produziert. Zu den größten Nutzern zählt hier die Verpackungsindustrie. Sie nutzt bereits 1,6 Mio. Tonnen (39%) biobasierten Kunststoff, etwa für Lebensmittelfolien.
Vielfältige Möglichkeiten
Bedarf ist also reichlich vorhanden, nicht nur bezüglich biobasierter Verpackungen und Folien. Im Jahr 2009 führte Coca Cola eine Flasche ein, die zu 30% aus pflanzlichem Material besteht. Zuckerrohr basiertes Ethanol aus Brasilien ersetzt anteilig die Rohstoffe auf Erdölbasis, die normalerweise zur Herstellung von PET-Flaschen benötigt werden. Die Flasche ist ebenso wie Flaschen aus herkömmlichen PET vollständig recycelbar. Es wird sowohl daran gearbeitet, das Material für die Flaschen zu 100% aus Pflanzenabfällen zu gewinnen als auch an Verfahren, Bio-Ethanol aus anderen Pflanzen und Pflanzenresten herzustellen.
Auch in der Medizin werden biobasierte Kunststoffe bereits seit Jahren eingesetzt. Polymilchsäure (PLA) beispielsweise wird häufig als chirurgisches Nahtmaterial genutzt oder es kommt in resorbierbaren Implantaten wie Schrauben, Nägeln und Platten zum Einsatz. Das Material wird durch den Stoffwechsel abgebaut und macht so eine weitere Operation zur Entnahme überflüssig. Auch in Hygieneartikeln finden biobasierte Kunststoffe häufig Verwendung, als Windelfolie oder Betteinlagen und auch in Einmalhandschuhen werden die biobasierten Folien bereits genutzt.
Naturfaserverstärkte Kunststoffe (NFK) zeichnen sich durch eine hohe Stabilität aus, diese erhalten sie durch die eingearbeiteten Naturfasern. Bauteile aus NFK weisen somit hohe Festigkeiten sowie eine geringe Dichte auf, d. h. sie sind mechanisch strak belastbar und gleichzeitig leicht. Durch diese Eigenschaften sind sie optimal für den Automobilbau geeignet, wo sie auch hauptsächlich Verwendung finden, u. a. für den Bau von Türverkleidungen, Sitzschalen und Hutablagen. Immerhin besteht ein modernes Auto zu etwa einem Drittel aus Kunststoff.
Aber es gibt auch Beispiele aus anderen Bereichen, in denen naturfaserverstärkte Kunststoffe eingesetzt werden. So stellt die hessische Firma Biowert Terrassendielen aus einem Kunststoff her, der zu 75% aus Wiesengras besteht.
Wood-Plastics-Composites finden vor allem in der Baubranche Anwendung. Hier werden sie gerne genutzt für die Produktion von Terrassenbelägen, Bootsstegen und Promenaden, aber auch für Außenfassaden, als Sicht- und Lärmschutzwände, Zäune sowie Geländer, Fensterrahmen und Türen.
Investionen in F&E erforderlich
Einen herkömmlichen Kunststoff durch einen Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen zu ersetzen ist oft kein Kinderspiel. Es kann nicht einfach weiterproduziert werden wie bisher. Diese Erfahrung machten auch zwei Unternehmen aus Baden-Württemberg. Gemeinsam suchten die Unternehmen Eurodisc und Tecnaro die optimale Rezeptur zur Herstellung einer Frisbee-Scheibe aus nachwachsenden Rohstoffen. Fündig wurden sie erst nach mehr als drei Jahren. Erste Prototypen waren zu schwer, die Scheiben flogen nicht. Dann wiederum war das Material nicht flexibel genug, bildete bei der Verarbeitung Blasen oder war zu klebrig. Schließlich kam bei den Frisbee-Scheiben eine Rezeptur aus Polyethylen auf Basis von Zucker und einem Bio-Polyethylen zum Einsatz.
Noch länger arbeitete die Firma AmSilk aus Martinsried an der Entwicklung eines ganz besonderen Materials. Schon lange begeistern sich Biomaterialforscher für die besonderen Eigenschaften von Spinnenseide. Spinnenseide ist ultraleicht, extrem robust, antibakteriell und superelastisch. Elf Jahre dauerte es bis zur Marktreife der Faser namens Biosteel. Die künstliche Spinnenseide wird rekombinant, also mit gentechnisch veränderten Bakterien hergestellt. Sie ist nicht nur leicht und fest, sondern mit einem Enzym auch vollständig biologisch abbaubar und ressourcenschonend herzustellen. Inzwischen wird die Spinnenseide nicht nur in einem Laufschuh, der rund 15% leichter ist als vergleichbare Schuhe, verarbeitet, sondern findet auch Anwendung in der Beschichtung von Implantaten oder als Basis für die Herstellung von Herzersatzgewebe.
Des Weiteren gibt es sehr viele Projekte und Ideen, die sich damit beschäftigen, rein biobasierte Materialien oder Reststoffe sinnvoll weiter zu verwerten. Im Bereich des Caterings werden diese Materialien gerne eingesetzt, da Verpackungsmaterialien aus Holzschliff, Einweggeschirr aus Zuckerrohrfaser, ein Reststoff, der massenhaft durch die Zucker-Extraktion bei der Gewinnung von Rohrzucker entsteht, sowie Besteck aus Palmblättern gemeinsam entsorgt werden können, denn die Produkte sind alle komplett kompostierbar.
Auch in der Modebranche werden immer häufiger Verfahren eingesetzt, um aus Reststoffen neue Materialien zu gewinnen. Kleider aus Fasern, die aus Milchabfällen der Lebensmittelindustrie gewonnen werden oder Lachshaut als Leder für Gürtel und Taschen. Recycelte Polyesterfasern und Reishülsen werden zum Sneaker oder in Kombination mit Kaffeesatz zur Funktionskleidung. Auch aus heimischem Holz sowie aus Bambus werden Fasern für die Bekleidungsbranche. Im Vergleich zur Baumwolle sind sie deutlich umweltschonender – sie verbrauchen weniger Wasser und sparen auch CO2 ein.
Weitere Infos zu einzelnen Produkten aus nachwachsenden Rohstoffen oder auch Reststoffen finden Sie in der Rubrik Produkte und im nachfolgenden Video.