„Hier in Heidelberg ist sehr deutlich geworden: Wir können das machen. Wir haben neue Einblicke und Partner gewonnen und neue Allianzen geschmiedet. Wir haben das Wissen und den Willen zusammenzuarbeiten und einander dabei zu unterstützen, die Paris-Vereinbarung umzusetzen.“ Mit diesen Worte fasste Bundesumweltministerin Svenja Schulze am Donnerstagnachmittag die zweitägige Konferenz „ICCA2019 – International Conference on Climate Action“ zusammen. Rund 900 internationale Experten aus allen Regierungsebenen – vom Bürgermeister bis zum Minister – und aus Wirtschaft und Wissenschaft waren zusammengekommen, um Lösungen auszutauschen, wie die unterschiedlichen Ebenen eines Landes zusammenarbeiten können, um effektive Klimaschutzmaßnahmen umzusetzen. Ebenfalls im Fokus standen Beispiele internationaler Kooperation.
Klimaschutz betrifft alles
Bereits zu Beginn der Konferenz hatte Mauro Petriccione, der Generaldirektor Climate Action der Europäischen Union, betont: „Der Klimaschutz ist nicht etwas Zusätzliches, das wir machen müssen, sondern betrifft alles, was wir machen.“ Und Sheela Patel, Vorsitzende der Slim Dwellers International, gab den Teilnehmern mit auf den Weg, dass Klimaschutzmaßnahmen nicht isoliert betrachtet werden können, sondern Kompromisse mit anderen Zielen wie sozialer Gerechtigkeit sein müssen: „Die Champions der UN-Nachhaltigkeitsziele und die Champions der UN-Klimaschutzziele stehen manchmal im Widerspruch.“
Schwerpunkt der Agenda stellten die Städte da, die bereits heute 60% Anteil an den globalen CO2-Emissionen haben und in den kommenden drei Jahrzehnten um 1,5 Milliarden Menschen wachsen werden. So warnte Dirk Messner, Direktor des Instituts für Umwelt und menschliche Sicherheit an der Universität der Vereinten Nationen, dass die Zeit der Dekarbonisierung mit der Zeit der schnellsten Urbanisierung in der menschlichen Geschichte zusammenfalle. Allein der Bau der nötigen Infrastruktur für das Städtewachstum infolge von Urbanisierung und Bevölkerungszunahme würde bis 2050 fast das gesamte CO2-Budget verbrauchen, das das 1,5-Grad-Ziel der Menschheit noch lasse. „Wir müssen Städte anders bauen!“, lautete seine dringende Forderung, Baustoffe wie Zement, Stahl und Aluminium CO2-neutral herzustellen oder zu ersetzen.
Kreislaufwirtschaft und Bioökonomie
Wiederkehrende Themen waren dementsprechend auch Kreislaufwirtschaft und Bioökonomie. Vertreter vieler Länder betonten, dass sie daran arbeiten, Abfälle besser zu managen und das Recycling zu verbesser – was nicht zuletzt Arbeitsplätze schaffe. Lisa Helps, die Bürgermeisterin der kanadischen Stadt Victoria, äußerte sogar die Hoffnung, dass es 2050 keine Mülldeponien mehr geben müsse. Dazu gehöre aber nicht nur Recycling, sondern ein Systemwandel, betonte Joke Dufourmont vom niederländischen Unternehmen Circle Economy: „Konsumismus wird immer noch geschätzt.“ Produkte müssten von Anfang an auf Wiederverwertbarkeit entworfen werden. So sei Baumwollkleidung prima wiederverwertbar – solange sie kein Polyester enthalte. Die Fasern seien nicht mehr trennbar, das ganze Kleidungsstück Müll. Problematisch sei auch die gefühlte Obsoleszenz: Aus Modegründen werde Kleidung heute 80% kürzer getragen als früher. Dufourmont zitierte abschließend eine Studie, derzufolge die Kreislaufwirtschaft in der Europäischen Union netto 700.000 Arbeitsplätze schaffen könnte.
Positive Wirkung auf den Arbeitsmarkt
Helps hatte dafür zwei Beispiele aus Victoria, wie diese Arbeitsplätze sogar Langzeitarbeitslosen eine Perspektive schaffen können: So gäbe es das „Binners‘ Project“, in dem sich arbeitslose Pfandsammler zusammengeschlossen haben und mit Konferenzcentern und anderen Einrichtungen kooperieren, um Wertstoffe aus den Abfällen zu sortieren. „Die Arbeitslosen sind jetzt Manager“, freute sich deren Bürgermeisterin. Gleiches gelte für das „Food Rescue Program“: Menschen, die zunächst ähnlich den Tafel-Kunden in Deutschland von Resten aus Bäckereien und fast abgelaufenen Lebensmitteln lebten, haben ein Geschäft daraus gemacht, Lebensmittel, die sonst weggeworfen würden, zu Essen zu verarbeiten und zu verkaufen. Inzwischen hat das Programm ein eigenes Gebäude und arbeitet nach industriellen Standards.