Die Bioökonomie ist längst ein relevanter Bestandteil der europäischen Wirtschaft. Ein paar Zahlen zum Einstieg: Laut einer Analyse der Europäischen Kommission beschäftigt sie über 17 Millionen Menschen und erwirtschaftet rund 5 Prozent der Wertschöpfung. Knapp 7 Prozent der gesamten Forschungs- und Entwicklungsausgaben entfallen auf bioökonomierelevante Aktivitäten. Besonders dynamisch entwickelt sich der Biotechnologiesektor mit jährlichen Wachstumsraten von rund 18 Prozent.
Diese wachsende Bedeutung der Bioökonomie und geopolitische Entwicklungen verändern den politischen Blick auf das Thema. Die Europäische Union verbindet sie in ihrer aktuellen Strategie von 2025 deutlich stärker mit Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und der Transformation bestehender Industrien. Der Fokus verschiebt sich damit von der Entwicklung neuer Technologien hin zu ihrer Umsetzung: Wie können biobasierte Lösungen skaliert, finanziert und in den Markt gebracht werden?
Vom visionären Nachhaltigkeitsfeld zum Wirtschaftssektor: Paradigmenwechsel in der politischen Debatte
Noch vor wenigen Jahren wurde die europäische Bioökonomie vor allem als Zukunftsprojekt beschrieben. In den EU-Strategien von 2012 und 2018 stand Nachhaltigkeit im Vordergrund des Wegs, fossile Rohstoffe durch nachwachsende Ressourcen zu ersetzen und wirtschaftliche Entwicklung mit Klimaschutz zu verbinden. In der aktuellen europäischen Agenda verschiebt sich dieser Rahmen deutlich hin zu einer industriepolitischen Transformationsstrategie. „Dies ist eine Wachstumsstrategie, die unsere Widerstandsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und gleichzeitig sicherstellen wird, dass die Natur und gesunde Ökosysteme das Rückgrat unserer Wirtschaft bleiben“, stellt Jessika Roswall, Mitglied der Europäischen Kommission, klar heraus.
Dr. Sven Wydra, Leiter des Geschäftsfelds Bioökonomie und Lebenswissenschaften am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) und Mitautor einer Studie zur europäischen Bioökonomiepolitik, fasst den Wandel so zusammen: „Die Bioökonomie wird heute deutlich stärker aus der Perspektive der Umsetzung gedacht als aus der Perspektive der Forschung.“ Nach seiner Einschätzung zeigt sich dieser Kurswechsel auch in der Struktur der Europäischen Kommission, wo das Thema inzwischen enger mit Industrie-, Umwelt- und Umsetzungsaufgaben verknüpft ist. Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, technologische Skalierung und geopolitische Stärke rücken damit ins Zentrum mit Begriffen wie „strategische Autonomie“, „Wettbewerbsfähigkeit“ und „Resilienz“. Nachhaltigkeit bleibt zwar als Grundprinzip erhalten, wird jedoch zunehmend in eine ökonomische und industriepolitische Logik eingebettet.
Gleichzeitig weist die Wissenschaft darauf hin, dass dieser Wandel auch eine Neujustierung der Nachhaltigkeitsverständnisses bedeuten sollte. So zeigt eine aktuelle Studie eines niederländischen Forschungsteams, dass europäische Bioökonomiestrategien bislang vor allem wirtschaftliche und ökologische Ziele betonen, während soziale Aspekte wie Verteilungseffekte oder Arbeitsbedingungen deutlich weniger systematisch integriert sind. Soll die Bioökonomie ihrem Anspruch einer nachhaltigen Transformation gerecht werden, müsse diese soziale Dimension künftig stärker in Strategien und Maßnahmen verankert werden, so die Forschenden.
Von Verfügbarkeit zur effizienten Nutzung: Biomasse als strategische Ressource
Mit der stärkeren Betonung auf industrielle Umsetzung einhergehend verschiebt die europäische Bioökonomie ihren Fokus zunehmend von der Produktion biologischer Rohstoffe hin zu ihrer effizienten Nutzung. In der aktuellen EU-Bioökonomiestrategie wird dies als zentrale Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit hervorgehoben. Schätzungen zufolge hat Europa bei Biomasse mit rund 90 % einen hohen Grad an Selbstversorgung erreicht. Gleichzeitig nimmt jedoch der Nutzungsdruck zu, denn landwirtschaftliche Flächen, biogene Reststoffe und Nebenprodukte werden parallel für Ernährung, Futtermittel, Materialien und Energie nachgefragt. Biomasse wird damit zu einer knappen Ressource von strategischer Relevanz, bei der Nutzungskonflikte systematisch zunehmen.
Im Einklang mit der Nutzungshierarchie für Biomasse hat zunächst die Lebens- und Futtermittelproduktion Vorrang. Für die verbleibende Biomasse gewinnt das Prinzip der Kaskadennutzung an Bedeutung: Stoffliche Anwendungen, etwa für Materialien und Chemikalien, sollten gegenüber der energetischen Verwertung priorisiert werden. Ziel ist es, die Wertschöpfung pro Einheit Biomasse über mehrere Nutzungsschritte hinweg zu maximieren und so Ressourcen effizienter in industrielle Kreisläufe zu integrieren. Parallel erweitert sich das Verständnis der Bioökonomie, indem neben Biomasse zunehmend auch CO₂ aus Abgasen oder der Umgebungsluft als Kohlenstoffquelle betrachtet wird.
Technologisch wird diese Entwicklung durch industrielle Biotechnologie unterstützt. Enzymbasierte Prozesse und Fermentation ermöglichen eine präzisere Umwandlung von Biomasse, CO₂ und bisher unerschlossenen Reststoffen, um daraus etwa chemische Grundstoffe oder Materialien herzustellen und fossilen Kohlenstoff schrittweise zu ersetzen. Die Biotechnologie wird daher sowohl in EU-Dokumenten als auch in der deutschen Hightech Agenda als Schlüsseltechnologie beschrieben, um bioökonomische Prozesse zu realisieren.
Von Forschung zur industriellen Umsetzung: Die Skalierungslücke und Förderung der europäischen Bioökonomie
Die europäische Bioökonomie ist wissenschaftlich stark, aber ihre industrielle Dynamik wird an zwei zentralen Übergängen gebremst, die häufig als „Valleys of Death“ beschrieben werden. Der erste Bruch liegt zwischen der Demonstrationsphase und einer ersten kommerziellen Produktion („Lab to Fab“). Hier müssen die Technologien ihre Tragfähigkeit unter realen industriellen Bedingungen beweisen und scheitern oft am hohen Finanzierungsbedarf. Der zweite Bruch folgt anschließend im Übergang zur Produktion im industriellen Maßstab und zur Marktabnahme („Fab to Market“). In dieser Phase steigt der Bedarf an Kapital und an langfristiger Abnahmesicherheit erneut stark an.
Die Europäische Investitionsbank weist in diesem Zusammenhang auf eine strukturelle Finanzierungslücke hin, insbesondere für kapitalintensive Produktionsanlagen. Diese Lücke sieht auch der Innovationsforscher Wydra: „Die Probleme entstehen dort, wo technologische Unsicherheiten auf Marktunsicherheiten treffen. Dann wird es schwierig, Finanzierungskapital zu bekommen.“ Interessanterweise stammen fast drei Viertel des Investitionsvolumens in die europäische Bioökonomie von Kapitalgebern mit Sitz außerhalb Europas. Gleichzeitig fließen mehr als 85 % der Investitionen in führende Unternehmen starker Innovationsländer, während Kapital für kleine und mittelständische Unternehmen insbesondere in Teilen Süd- und Osteuropas oft fehlt. Die Finanzierungslücke betrifft die europäische Bioökonomie demnach nicht überall gleichermaßen.
Hinzu kommen regulatorische Faktoren. Genehmigungs- und Zulassungsverfahren in der EU gelten als komplex und zeitintensiv, insbesondere im Vergleich zu anderen Innovationsräumen wie den USA. Dies verlängert Entwicklungszyklen und beeinflusst Investitionsentscheidungen. Beispielhaft wird im Bericht der Europäischen Investitionsbank ein Bioökonomie-Investor zitiert: „Wir haben in ein Start-up für neuartige Lebensmittel investiert. In den USA erfolgte die Zulassung innerhalb von vier Monaten, während es in Europa nach 36 Monaten noch immer keine verlässliche Rückmeldung gibt. Das ist absolut inakzeptabel, und kleine Unternehmen können damit nicht umgehen.“ Ein dritter Faktor ist die industrielle Anschlussfähigkeit. Selbst technisch ausgereifte Verfahren stoßen häufig auf fehlende industrielle Partnerstrukturen, die eine Integration in bestehende Wertschöpfungsketten ermöglichen. Dadurch gelingt der Übergang von Pilotprojekten in die industrielle Produktion oft nur schleppend.
Die EU reagiert auf diese strukturellen Schwierigkeiten mit einem zunehmend differenzierten Instrumentenmix. Programme wie Horizon Europe und das Circular Bio-based Europe Joint Undertaking (CBE JU) fördern gezielt den Übergang von der Forschung in industrielle Anwendungen. Ergänzend sollen Reallabore sowie multifunktionale Pilot- und Demonstrationsanlagen neue Technologien unter realen Bedingungen erproben und den Schritt zur industriellen Produktion erleichtern. Für besonders kapitalintensive Vorhaben gelten Instrumente wie IPCEI-Vorhaben und „Venture Debt“ über InvestEU als wichtige Bausteine. Darüber hinaus empfiehlt die Europäische Investitionsbank neue Finanzierungsansätze, darunter ein europäisches „Catalyst Programme“.
Speziell für die Implementierung der aktuellen Bioökonomiestrategie treibt die Europäische Kommission drei komplementäre Initiativen voran. Dazu gehören die Bio-based Europe Alliance, die den Markthochlauf biobasierter Produkte und Technologien unterstützen soll, die Bioeconomy Investment Deployment Group, die den Zugang zu geeigneten Finanzierungsinstrumenten verbessern soll, sowie die Expert Group on Bioeconomy, die die Mitgliedstaaten bei der Umsetzung der Strategie unterstützt.
Gleichzeitig rückt der Aufbau von Marktanreizen und verlässlicher Absatzmärkte stärker in den Fokus, da biobasierte Produkte oft unter höheren Produktionskosten und anspruchsvollen regulatorischen Rahmenbedingungen leiden. Langfristige Abnahmevereinbarungen, eine stärkere Berücksichtigung biobasierter Produkte in der öffentlichen Beschaffung sowie sektorale Quoten sollen Investitionen absichern und die Nachfrage nach biobasierten Produkten erhöhen.
Von einzelnen Technologien zu regionalen Ökosystemen: Bioökonomie wird systemisch gedacht
In der Praxis entstehen erfolgreiche bioökonomische Strukturen vor allem entlang regionaler Innovations- und Produktionssysteme. Zentral ist dabei die räumliche Kopplung von Ressourcen, Forschung, Industrie und Infrastruktur. Industrielle Symbiose, also die Nutzung von Neben- und Reststoffen eines Akteurs als Input für einen anderen, wird dabei als Voraussetzung für funktionierende biobasierte Wertschöpfungssysteme angesehen. Forschungseinrichtungen, Pilotanlagen, Start-ups und etablierte Industrie müssen räumlich und institutionell so verbunden sein, dass Materialflüsse, Wissenstransfer und Investitionsentscheidungen möglichst reibungslos ineinandergreifen. Europäische und nationale Förderprogramme unterstützen daher gezielt Bioökonomie-Cluster und ganze Demonstrationsregionen.
Ein Beispiel für eine solche Struktur in Deutschland ist das BioökonomieREVIER. In der ehemaligen Braunkohleregion des Rheinischen Reviers wird der Strukturwandel genutzt, um ein regionales Innovationssystem aufzubauen, das Landwirtschaft, biotechnologische Forschung und industrielle Anwendungen miteinander verknüpft. Ähnliche Clusteransätze zeigen sich beispielsweise im französischen Grand Est, wo Agrarproduktion, Chemieindustrie und Forschungseinrichtungen stärker systemisch miteinander verbunden sind.
Vergleichende Untersuchungen der EU und aus der Wissenschaft zeigen jedoch eine starke Heterogenität innerhalb Europas. Während einige Regionen bereits integrierte Bioökonomie-Ökosysteme mit stabilen Koordinationsstrukturen ausgebildet haben, bleiben andere trotz hoher Forschungsstärke fragmentiert. Der Unterschied liegt dabei weniger in der wissenschaftlichen oder technologischen Basis als in der Fähigkeit, Akteure aus Politik, Industrie, Forschung und Finanzierung dauerhaft in abgestimmte Governance- und Kooperationsstrukturen einzubinden. Wie Fraunhofer-Forscher Wydra betont, „entstehen ständig neue Wertschöpfungsketten und damit immer wieder neue Akteure, die zusammengebracht werden müssen.“ Regionale Netzwerke sind deshalb keine einmalige Anschubhilfe, sondern müssen sich kontinuierlich weiterentwickeln.
Die Europäische Bioökonomiepolitik zwischen nationaler Vielfalt und Koordinationsbedarf
Die europäische Bioökonomiepolitik ist ein Geflecht sehr unterschiedlicher nationaler und regionaler Ansätze. Während die EU mit ihrer Bioökonomiestrategie einen gemeinsamen Rahmen vorgibt, unterscheiden sich die Mitgliedstaaten deutlich darin, wie konkret und systematisch sie diesen umsetzen. Von den 27 EU-Mitgliedstaaten haben elf Länder eine ausgewiesene Bioökonomiestrategie. Vorreiter sind Frankreich, Irland und Österreich, die ihre Strategien mit konkreten Maßnahmen zur Umsetzung verfolgen, von der Rohstoffbasis über industrielle Verarbeitung bis hin zu Markteinführungsinstrumenten. Andere Länder wie Deutschland, Finnland oder Italien haben zwar dedizierte nationale Strategien, aber weniger ausgefeilte Instrumente. In Ländern wie Griechenland, Luxemburg oder Slowenien fehlen dagegen nationale Strategien oder sie verfolgen eher fragmentierte Ansätze. Die Bioökonomie ist dort allenfalls in einzelne Politikfelder integriert, etwa in Agrarpolitik, Industriepolitik oder Klimastrategien, ohne dass eine konsistente Gesamtarchitektur entsteht. In der Praxis führt das dazu, dass einzelne Fördermaßnahmen nebeneinanderstehen, ohne systematisch auf Skalierung oder industrielle Integration ausgerichtet zu sein.
Auch inhaltlich setzen die Mitgliedsstaaten unterschiedliche Schwerpunkte. Während die skandinavischen Länder auf holzbasierte Wertschöpfung setzen, konzentrieren sich andere auf agrarische Reststoffe, biobasierte Chemie oder industrielle Biotechnologie. Entsprechend vielfältig sind auch die Governance-Modelle, von formalen und zentralen Koordinierungsgremien wie in Italien bis zu stärker netzwerkorientierten Ansätzen wie in Deutschland. Innovationsforscher Wydra bringt dies auf den Punkt: „Bioökonomie sieht in jeder Region anders aus, mit unterschiedlichen Rohstoffen, Produkten und Schwerpunkten. Politik muss diese Unterschiede berücksichtigen.“
Diese Vielfalt bringt aber auch Nachteile mit sich. Unterschiedliche Förderlogiken, regulatorische Rahmenbedingungen und Prioritäten bei der Skalierungsförderung können die Entwicklung grenzüberschreitender Wertschöpfungsketten erschweren. Die europäische Ebene setzt daher zunehmend auf eine bessere Verzahnung bestehender Instrumente. Forschungsförderung soll stärker mit industrieller Umsetzung verbunden, Investitionen in Pilotanlagen erleichtert und regulatorische Prozesse harmonisiert werden. Auch gemeinsame Leitmärkte für biobasierte Produkte werden verfolgt, um verlässliche Nachfrageimpulse zu schaffen.
Die Entwicklung der europäischen Bioökonomie zeigt damit, dass technologische Innovation allein nicht ausreicht. Erst das gelungene Zusammenspiel von nationalen Strategien, regionalen Innovationsökosystemen und europäischen Rahmenbedingungen schafft die Voraussetzungen, um biobasierte Innovationen erfolgreich zu skalieren, Investitionen zu mobilisieren und international wettbewerbsfähige Wertschöpfung aufzubauen.
Von Hanna Berger
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Quellen
- Brzezicka, B. et al (2025) “Scaling up Europe’s bio-based industries.” European Investment Bank. https://www.eib.org/files/publications/20250060-311025-scaling-up-europe-s-bio-based-industries-en.pdf
- Eliasson, A. et al. (2025) “National bioeconomy strategies in Europe - State of play September 2025” No. JRC143845. Joint Research Centre, European Commission, Ispra. https://publications.jrc.ec.europa.eu/repository/handle/JRC143845
- European Commission (2025) “A Strategic Framework for a Competitive and Sustainable EU Bioeconomy (COM (2025) 960 Final).” https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=celex%3A52025DC0960
- European Commission: Directorate-General for Environment. (2025) “The 2025 EU bioeconomy Strategy – Factsheet”. Publications Office of the European Union. https://data.europa.eu/doi/10.2779/7975790
- European Commission Knowledge Centre for Bioeconomy https://knowledge4policy.ec.europa.eu/bioeconomy_en
- Lasarte Lopez, J. and M'barek, R. (2025). “The EU bioeconomy at a glance: Focus on economic value added, employment and innovation.” No. JRC143759. Joint Research Centre, European Commission. https://publications.jrc.ec.europa.eu/repository/handle/JRC143759
- Wydra, S. et al. (2026) “Bioeconomy Policy in Europe: Status Quo and Ways Forward.” Industrial Biotechnology 22.2: 93-100. https://doi.org/10.1177/15509087261434832