100 Jahre Grüne Woche – ein Jahrhundert Wandel, Innovation und Vernetzung. Was 1926 als regionale Landwirtschaftsausstellung begann, hat sich zu einer internationalen Plattform für Bioökonomie, nachhaltige Technologien und Forschung entwickelt. Die Messe verbindet Tradition mit Zukunft, zeigt Entwicklungen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft und macht sichtbar, wie neue Konzepte für Landwirtschaft, biobasierte Rohstoffe und Kreislaufwirtschaft unsere Gesellschaft prägen. Ihren Namen verdankt die Messe dabei nicht Themen wie nachhaltigem Wirtschaften oder gesunder Ernährung, sondern den grünen Lodenmänteln der Landwirtinnen und Landwirte, die in den ersten Jahren das Bild der Ausstellung bestimmten. Die Berliner nannten das Ereignis daraufhin einfach die „Grüne Woche“.
Berlin im Winter 1926: Inmitten des geschäftigen Tagungsviertels öffnete die erste Grüne Woche ihre Tore. Was als „wilder Handel“ begann, wurde schnell zum Publikumsmagneten. Hans-Jürgen von Hake, ein Mitarbeiter des Berliner Fremdenverkehrsamts, hatte die Idee, die Fachkonferenz der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft mit einer Ausstellung für die breite Öffentlichkeit zu verbinden – ein Konzept, das auf Anhieb begeisterte. 50.000 Besucherinnen und Besucher strömten im Premierenjahr durch die Hallen, bestaunten Handwerksstände, Saatenmärkte, Kleintierausstellungen und die frühen mechanischen Wunderwerke: der Universalschlepper mit 100 PS, vier Meter hoch und eisenbereift, war ein Symbol für die beginnende Mechanisierung der Landwirtschaft.
Neben Maschinen und Marktgeschehen lebte die Grüne Woche auch von ihren überraschenden Momenten. Kuriositäten wie eine Fußspurmaschine für Hunde oder eine Eierfrischhaltemaschine, die 5.000 Eier ein Jahr lang haltbar machen sollte, sorgten für Erstaunen und Lacher. Und schon 1931 kam ein Stück Zukunft auf die Messe: ein umgebauter Verkaufslaster, der erste Foodtruck der Grünen Woche, versorgte die Gäste mit frischen Leckereien. Die Messe verband Tradition, Neuigkeiten und Genuss. Sie zog sowohl Fachleute als auch die breite Öffentlichkeit an und spiegelte so auch die Agrarkultur der Stadt wider, in der noch ein Fünftel der Fläche landwirtschaftlich genutzt wurde.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 nahm die Messe eine politisch andere Richtung. Joseph Goebbels ließ Ausstellende und Personal überwachen, jüdische Unternehmen wurden ausgeschlossen und die Inhalte folgten der „Blut und Boden“-Ideologie. Fleischkraftbrühen, „korrekte“ Puppenküchen und die glorifizierende Inszenierung von Selbstversorgung prägten die Präsentationen. Unter NS-Landwirtschaftsminister Walter Darré wurden Landwirtschaft und technische Fortschritte in das passende Narrativ eingebettet und als Teil der nationalsozialistischen Ideologie präsentiert. Trotz der politischen Vereinnahmung blieb die Grüne Woche ein Ort für Innovation und Erfindergeist. Gezeigt wurden etwa neue Melk- und Erntemaschinen, verbesserte Saatgut- und Zuchtverfahren sowie technische Lösungen für Lagerung und Transport.
Nach dem Zweiten Weltkrieg prägten Trümmer, Hunger und Unsicherheit das Bild Berlins. Doch 1948 öffnete die Grüne Woche wieder ihre Tore und setzte damit ein mutiges Signal für Hoffnung und Neubeginn. Die Messe war noch klein, Wurstattrappen aus Pappe ersetzen echtes Fleisch, und dennoch besuchten die Menschen in Scharen die Hallen. Aufgrund der Blockade West-Berlins kamen viele Exponate über die Luftbrücke, 250 britische und 357 amerikanische Flugzeuge brachten benötigte Waren in die Stadt. Die Grüne Woche wurde so zu einem Symbol für Wiederaufbau, Gemeinschaft und die Rückkehr zur Normalität.
In den 1950er Jahren begann die Messe ihre internationale Entwicklung. 1951 stellten die Niederlande erstmals aus und Bundeskanzler Konrad Adenauer ließ sich den pompösen Stand mit Gemüsepyramide nicht entgehen. Schon bald folgten weitere Ausstellende aus Westeuropa, aber auch aus USA, Kanada, Israel, Marokko und dem Libanon. Kulinarische Attraktionen aus verschiedenen Teilen der Welt lockten die Besucherinnen und Besucher. Diese Entwicklung trug 1962 auch offiziell Früchte: Die Messe erhielt den Namen „Internationale Grüne Woche“. Im Jahr 1965 eröffnete das „American Diner“ mit Burgern und Pommes, zwei Jahre später präsentierte Großbritannien seinen Pub und 1976 erlebte die Messe den berühmten „Wurstbaum“ der Türkei. Exotische Lebensmittel wurden für viele Bürger erschwinglich und die Grüne Woche wurde zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Highlight, das den westlichen Lebensstil in der geteilten und weitgehend isolierten Stadt widerspiegelte.
Parallel wuchs die Bedeutung der Grünen Woche als Schaufenster technischer Fortschritte und Treffpunkt der Fachwelt. Turmgewächshäuser, Funkgeräte, moderne Melkstände, Mähdrescher und die ersten Biogasanlagen demonstrierten die Technologisierung in der Landwirtschaft. Bereits 1969 gab es eine Lehr- und Sonderschau „Elektronische Datenverarbeitung – ein modernes Hilfsmittel für moderne Landwirtschaft“. Agrarfilmwettbewerbe, weitere Lehr- und Sonderschauen und das Internationale Forum Agrarpolitik ermöglichten den Austausch unter Fachleuten. Die Grüne Woche entwickelte sich von einer regionalen Landwirtschaftsausstellung zu einer internationalen Plattform, auf der fachlicher Austausch, Genuss und gesellschaftliche Trends zusammenkamen.
Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 begann für die Grüne Woche eine neue Ära. Die Messe öffnete ihre Tore für Exponate und Gäste aus den neuen Bundesländern und Osteuropa. Bereits 1990 verzeichnete die Messe einen Andrang von mehr als 690.000 Menschen, angezogen von einem Heißluftballon mit der Botschaft „Qualität kennt keine Grenzen“ – ein Symbol für die neue Offenheit und weltweite Vernetzung. Auch Politische Prominenz ließ sich den Termin nicht entgehen: Bundespräsident Richard von Weizsäcker und EG-Agrarkommissar Ray Mac Shary besuchten die Messe, während Vertreter aus der DDR erstmals teilnehmen konnten.
Neben globaler Kulinarik wuchsen Bildungs- und Fachbereiche. Das Landwirtschaftsministerium informierte über Milchprodukte, Getreide und vollwertige Ernährung und der Bio-Markt 1998 markierte den Beginn eines neuen Schwerpunkts: nachhaltige Lebensmittel und ökologische Innovationen. Rund 300 Vorträge, Seminare und Symposien vermittelten Fachwissen und Praxis-Know-how, darunter das Internationale Forum Agrarpolitik des Deutschen Bauernverbandes und das Ost-West-Agrarforum. Die Grüne Woche war nun nicht nur Erlebnis- und Handelsmesse, sondern auch Ort des Austauschs zwischen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft.
„Die Grüne Woche hat sich von einer „Schau landwirtschaftlicher Praxis“ zu einem Forum für nachhaltige Transformation agrar‑ und ernährungswirtschaftlicher Systeme entwickelt,“ erläutert Lars Jaeger, Direktor der Grünen Woche.
Neue Messeinfrastruktur unterstützte das Wachstum: Der fertiggestellte Erweiterungsbau 1999 schuf auf 160.000 Quadratmetern Platz für tiefere Einblicke in Agrarbranche und Ernährung. 2000 startete der „ErlebnisBauernhof“ als lebendiger Lern- und Begegnungsbereich, in dem moderne Landwirtschaft mit Tieren, Technik und digitalen Anwendungen bis heute erlebbar wird und der nach wie vor den Dialog zwischen Betrieben und Öffentlichkeit fördert. Startups, Bioprodukte und Innovationen aus der Wissenschaft heraus wurden sichtbarer. In dieser Phase legte die Messe den Grundstein auf dem Weg zur Bioökonomie, noch bevor der Begriff geprägt war.
In den 2000er Jahren rückten die nachhaltige Nutzung nachwachsender Rohstoffe, Biotechnologie und Kreislaufwirtschaft stärker in den öffentlichen Fokus. Unter dem Begriff Bioökonomie bündelten sich diese Entwicklungen. 2008 startete das Bundesforschungsministerium die „Nationale Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030“, wodurch der Begriff fest in Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit verankert wurde. Parallel dazu wandelte sich auch die Grüne Woche: Sie ist mittlerweile ein zentrales Forum für nachhaltige Landwirtschaft und Bioökonomie, das Innovation sichtbar macht. „International“ ist längst so selbstverständlich, dass der Zusatz 2025 wieder aus dem Namen der Messe gestrichen wurde.
Das Global Forum for Food and Agriculture (GFFA), das seit 2008 begleitend zur Messe stattfindet, zeigt eindrucksvoll, wie eng die Messe mit globalen Debatten verknüpft ist. Jährlich treffen sich Agrarministerinnen und -minister, Wissenschafts- und Wirtschaftsvertreter, um über Ernährungssicherheit und ressourcenschonende Produktionssysteme zu diskutieren. Politische und gesellschaftliche Diskussionen sind Teil des Programms: Fridays for Future nutzten 2020 die Messe, um auf Klimafragen aufmerksam zu machen, Politik und Verbände suchen regelmäßig den Dialog mit der Landwirtschaft.
Der Messebetrieb selbst ist Bühne für nachhaltige Innovationen und zukunftsfähige Technologien. Start-ups und etablierte Unternehmen präsentieren etwa pflanzenbasierte Burger und alternative Proteinquellen, biobasierte Bau-Materialien, Kreislaufwirtschaftskonzepte und energieeffiziente Technologien. Themenwelten wie „grünerleben“ oder die ZERO-Insel adressieren Nachhaltigkeit und klimafreundliche Lösungen mit Bildungsangeboten, Workshops sowie interaktiven Präsentationen.
Der Direktor der Grünen Woche, Lars Jaeger, sieht die Messe thematisch weiter auf dem Weg zu nachhaltigen Ernährungssystemen und Bioökonomie. Im Fokus stehen Kreislaufwirtschaft, Ressourceneffizienz, digitale Transformation der Landwirtschaft sowie neue Ernährungstrends und alternative Proteine. Gleichzeitig werden bioökonomiebasierte Wertschöpfungsketten und der Austausch zwischen Politik, Wissenschaft und Gesellschaft sichtbar.
„Diese Schwerpunkte spiegeln die wachsende Bedeutung nachhaltiger Ökosysteme wider und positionieren die Messe als Trendbarometer für die Transformation von Landwirtschaft und Ernährung,“ betont Jaeger.
Die Grüne Woche ist längst eine Plattform für Forschung und Innovation in der aufstrebenden Bioökonomie. Besonders sichtbar wird dies durch die Projekte, die auf der Messe ihre Entwicklungen für eine nachhaltige, biobasierte Wirtschaft präsentieren. Sie machen greifbar, wie Wissenschaft, Wirtschaft und Politik gemeinsam die Bioökonomie vorantreiben.
Ein bezeichnendes Beispiel ist der vom Bundesforschungsministerium geförderte DiP-Verbund, der den Strukturwandel im Mitteldeutschen Revier aktiv mitgestaltet. Im südlichen Sachsen-Anhalt entsteht eine Modellregion der Bioökonomie, in der nachhaltige, digital unterstützte pflanzliche Wertschöpfungsketten entwickelt werden – von der Züchtung über die Verarbeitung bis zur industriellen Nutzung. In 20 Forschungsprojekten arbeiten rund 50 Partner aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung zusammen. Ziel ist es, digitale Lösungen für klimaresiliente Landwirtschaft, neue biobasierte Produkte und eine grüne Chemie zu entwickeln. Forschung und Praxis verschmelzen hier zu einem realen Innovationslabor, das regionale Wertschöpfung, Effizienz und Nachhaltigkeit miteinander verbindet.
Zahlreiche erfolgreiche Start-ups sind aus Hochschulprojekten hervorgegangen und wurden durch öffentliche Fördermittel unterstützt. Auf der Grünen Woche demonstrieren sie etwa, wie Lebensmittelreste zu nachhaltigen Verpackungen werden oder Fasern aus Ananaspflanzen Wälder schonen und die Umwelt in Costa Rica entlasten. Oder wie Schadholz zu ganzen Supermärkten verarbeitet wird, regional angebauter Hanf die Bauwirtschaft verändert und aus Algen, Hülsenfrüchten oder Insekten neue, schmackhafte Produkte entstehen. Die Technologien machen es möglich, lineare Lieferketten in biobasierte Kreisläufe zu überführen – ressourcenschonend, effizient und industriell anschlussfähig.
In 100 Jahren hat sich die Grüne Woche vom regionalen Landwirtschaftstreff zu einer internationalen Plattform für Bioökonomie, Innovation und nachhaltige Technologien entwickelt. Von ersten Maschinen und Kuriositäten über Aussteller aus aller Welt bis zu biobasierten Materialien, Kreislaufwirtschaft und Startups zeigt die Messe, wie Forschung, Politik und Wirtschaft gemeinsam Zukunft gestalten. Dabei verdeutlicht die Grüne Woche die Breite der Bioökonomie: Es geht nicht nur um Ernährung, sondern um biobasierte Rohstoffe, Energie und Sicherung des Wohlstands im Einklang mit Umwelt- und Klimazielen.
von Hanna Berger