„Wir wollen neue Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten entwickeln“
Dr. Robert HildenBeruf: Agrarökonom
Position: Transformationsmanager Landwirtschaft bei BioökonomieREVIER, Forschungszentrum Jülich
Beruf: Agrarökonom
Position: Transformationsmanager Landwirtschaft bei BioökonomieREVIER, Forschungszentrum Jülich
Im Rheinischen Revier wird der Wandel der Landwirtschaft immer dringlicher. Nun soll er zusammen mit Digitalisierung und neuen Wertschöpfungsketten gelingen.
Robert Hilden arbeitet als Transformationsmanager der Initiative BioökonomieREVIER am Forschungszentrum Jülich daran, Landwirtschaft, Forschung und neue Wertschöpfungsketten miteinander zu verbinden. Der studierte und promovierte Landwirt kommt ursprünglich von einem rheinischen Hof mit klassischem Ackerbau und Schweinemast. Im Interview spricht er über digitale Technik, alternative Kulturen, den Boden als zentrale Ressource und darüber, warum die junge Generation für die Bioökonomie entscheidend ist.
Herr Dr. Hilden, Sie arbeiten als sogenannter Transformationsmanager in der Bioökonomie. Was kann man sich darunter konkret vorstellen?
Ich verstehe meine Rolle vor allem als Übersetzungs- und Netzwerkarbeit. Es geht darum, Wissen aus der Forschung so in die landwirtschaftliche Praxis zu bringen, dass daraus neue Lösungen entstehen. Dabei denke ich immer mit, wie ein Betrieb tatsächlich funktioniert: Welche Fruchtfolgen sind möglich, was kann man anbauen, was passt zu den Strukturen vor Ort? Wichtig ist mir, die Sicht der Landwirtinnen und Landwirte mitzudenken. Ein Betrieb ist ja kein abstraktes Modell, sondern oft ein Familienunternehmen, in dem mehrere Generationen mitreden. Genau dort setzen wir an, wenn wir neue Geschäftsmodelle oder Wertschöpfungsketten entwickeln wollen.
Sie sprechen oft von neuen Wertschöpfungsketten. Was kann man sich darunter im Rheinischen Revier vorstellen?
Ein einfaches Beispiel ist Stroh. Es fällt beim Weizenanbau ohnehin an, hat aber nicht nur auf dem Acker einen Wert für die Humusbildung, sondern könnte noch in einer weiteren Nutzungskette eine Rolle spielen. Ähnlich ist es bei alternativen Kulturen: Man fragt nicht nur, was sich anbauen lässt, sondern auch, wofür sich die Pflanzen regional einsetzen lassen. Das kann bei Lebensmitteln anfangen, etwa bei Ackerbohnen im Brot, und bei Rohstoffen für die Industrie weitergehen. Interessant ist zum Beispiel Saflor (Färberdistel), aus dem sich ein besonderes Öl gewinnen lässt, oder Hanf als Rohstoff für Bau und Sanierung. Die Idee dahinter ist immer dieselbe: Primärproduktion allein reicht oft nicht mehr aus, aber mit Verarbeitung, Lagerung oder Veredelung kann zusätzlicher Wert im Revier bleiben.
Welche Rolle spielt Hightech dabei?
Eine sehr große. Vieles, was vor wenigen Jahren noch Zukunftsmusik war, ist heute schon Teil des Alltags oder zumindest in der Erprobung. GPS-gestützte Spurführung auf zwei Zentimeter genau ist längst Realität. Digitale Sensoren, Datenanalysen und Robotertechnik helfen dabei, präziser und effizienter zu arbeiten. Das ist besonders wichtig, weil sich Wetterfenster immer schwerer vorhersagen lassen und die Arbeit genauer getaktet werden muss. Gleichzeitig sehe ich, dass gerade jüngere Landwirtinnen und Landwirte sehr offen dafür sind. Sie sind es gewohnt, mit Computern, Daten und digitalen Fahrplänen zu arbeiten, und finden diese Technik oft nicht abschreckend, sondern spannend.
Hightech klingt zwar nach Vereinfachung, bringt aber auch einen weiteren Grad der Komplexität mit sich. Inwieweit wird Landwirtschaft dadurch wirklich einfacher?
Die Technik kann vieles erleichtern, aber sie bringt auch neue Anforderungen mit sich. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, unterschiedliche Systeme sinnvoll miteinander zu verbinden. Der Mensch bleibt dabei zentral, weil er Wetter, Boden, Pflanze und Maschine zusammen denken muss. Eine Maschine kann viel übernehmen, aber sie ersetzt nicht das Urteil des Landwirts. Ich würde deshalb sagen: Die Routinen werden einfacher, aber die Gesamtverantwortung bleibt anspruchsvoll. Gleichzeitig eröffnet das Chancen, weil sich der Mensch stärker auf die wirklich wichtigen Entscheidungen konzentrieren kann.
Welche Bedeutung haben alternative Kulturen und neue Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft im Rheinischen Revier, wenn klassische Kulturen wie Weizen oder Kartoffeln wirtschaftlich zunehmend unter Druck geraten?
Im Moment ist es schon so, dass man mit Weizen oder Kartoffeln oft nicht mehr richtig Geld verdient. Dann muss man nach Alternativen schauen und das macht der Landwirt ja schon immer. Die spannende Frage ist: Welche Pflanze passt hier ins Rheinische Revier und kann wirklich eine tragfähige Wertschöpfung aufbauen? Da geht es nicht nur um den Anbau selbst, sondern auch darum, was man daraus noch machen kann – also Proteine, Ballaststoffe oder eben auch eine weitere Verarbeitung und Veredelung in der Region.
Welche Bedeutung haben Boden und regionale Strukturen für die Transformation?
Der Boden ist für die Landwirte der entscheidende Punkt. Da hat keiner ein Interesse dran, den auszubeuten oder am Ende schlechter an die nächste Generation weiterzugeben. Gerade darin liegt für mich ein zentrales Commitment der Landwirtschaft. Im Rheinischen Revier kommen gute Böden, kurze Wege, eine hohe Innovationsbereitschaft und eine enge Verbindung zur Wissenschaft zusammen.
Und bei der Jugend sehen wir einfach: Die kann mit Computer, Daten und digitalen Systemen oft ganz selbstverständlich umgehen. Das ist schon ein Vorteil, weil die neuen Technologien dann nicht als Hindernis, sondern als Werkzeug gesehen werden.
Wie lange wird diese Transformation dauern – und woran würden Sie erkennen, wenn sie letztlich gelungen ist?
Eine Transformation kann man nicht bis auf ein Datum festnageln. Ich glaube, man darf da nicht zu hoch greifen. Erst mal geht es darum, dass entlang der ganzen Wertschöpfungskette ein besseres Verständnis entsteht und die Leute miteinander reden. Wenn wir in fünf Jahren geschafft haben, dass Menschen aus Landwirtschaft, Industrie und Forschung besser zusammenkommen und neue Wege gemeinsam denken, dann ist schon viel gewonnen. In zehn Jahren könnten daraus erste neue Produkte und Wertschöpfungsketten entstanden sein. Gelungen wäre die Transformation für mich aber nicht erst dann, wenn alles perfekt ist, sondern wenn Vertrauen gewachsen ist: Wenn Verbraucher verstehen, was Landwirtschaft leistet, wenn die Landwirtschaft weiß, welche Optionen es gibt, und wenn wir die junge Generation begeistern können, diese Entwicklungen mitzugestalten.
Das Interview führte Tamara Worzewski