„Ohne Pflanzenzüchtung würden wir verhungern – auf die lange Sicht.“

„Ohne Pflanzenzüchtung würden wir verhungern – auf die lange Sicht.“

Prof. Dr. Gabi Krczal

Beruf: 
Biologin und Chemikerin

Position: 
Geschäftsführerin a.D. der RLP AgroScience GmbH und Vorsitzende der Gesellschaft für Pflanzenbiotechnologie

Portrait Gabi Krczal
Vorname
Prof. Dr. Gabi
Nachname
Krczal

Beruf: 
Biologin und Chemikerin

Position: 
Geschäftsführerin a.D. der RLP AgroScience GmbH und Vorsitzende der Gesellschaft für Pflanzenbiotechnologie

Portrait Gabi Krczal

Für Prof. Gabi Krczal sind die Genomeditierung und RNA-Sprays das Highlight und die Zukunftstechnologie der Pflanzenzüchtung. Warum erklärt die Expertin mit Praxis-Beispielen im Interview.

Genomeditierung erlaubt punktgenaue Veränderungen im Erbgut von Pflanzen, die auch natürlich entstehen und sie widerstandsfähiger gegen Dürre oder Krankheiten machen könnten. Trotz fehlender artfremder DNA unterliegen solche Pflanzen strenger Regulierung laut Gentechnikgesetz – anders als klassisch mutierte Sorten. RNA-Sprays, die das Potential haben klassische chemische Pflanzenschutzmittel zu ersetzen, müssen derzeit noch denselben Zulassungsprozess durchlaufen wie diese. Es besteht aber Hoffnung auf erleichterte Zulassungsverfahren für diese neuartigen Pflanzenschutzmittel. Die gesprühte RNA verändert nicht das Genom der Pflanzen, auf die sie appliziert wird, diese Anwendung fällt also nicht unter die Regulierungen des Gentechnikgesetzes. Prof. Dr. Gabi Krczal betont im Interview sowohl das Potenzial dieser Ansätze als auch die widersprüchliche Regulierung.

Frage

Frau Prof. Dr. Krczal, was ist für Sie das Highlight in der Pflanzenzüchtung?

Antwort

Ein Highlight in der Pflanzenzüchtung ist bestimmt der Bereich der Genomeditierung. Wenn man klassisch züchtet, dauert das bei Gemüse acht bis zehn Jahre, bis man eine neue Sorte hat, bei Wein und Obst bis zu 30 Jahre. Die Zeit haben wir nicht mehr im Hinblick auf den Klimawandel. Und mit Genomeditierung können wir ganz gezielt Veränderungen in der Pflanze induzieren, die auf der einen Seite einen Hochertrag bringen und auf der anderen Seite eine resiliente Pflanze erzeugen. Das heißt: die Beschleunigung der Geschwindigkeit der Pflanzenzüchtung ist ein ganz wesentlicher Fortschritt, den wir auch brauchen, um uns unter den Konditionen des Klimawandels weiter nachhaltig zu ernähren.

Frage

Bezüglich Klimaanpassung und Schädlingsresistenzen schauen Pflanzenzüchtende gerne auf Wildtypen und alte Sorten mit nützlichen Resistenzen, die unseren Kulturpflanzen im Laufe der Zeit versehentlich weggezüchtet wurden. Haben Sie in diesem Zusammenhang ein konkretes Beispiel, das das zukunftsträchtige Potenzial der Neuen Genomischen Techniken samt Zeitersparnis belegt?

Antwort

Wenn es um Genomeditierung geht, kann man das Beispiel der Kultivierung der Wildtomate bringen. Tomaten haben wir alle bei uns fast täglich auf dem Teller. Die Kulturtomate unterscheidet sich im Wesentlichen nur in sechs Genen von der Wildtomate. Um aber mit klassischer Züchtung aus einer Wildtomate eine Kulturtomate zu machen, haben die Züchter Jahrzehnte gebraucht. Heute, da man weiß, wo die Unterschiede liegen, kann man das mit einem einzigen Schritt in der Genomeditierung leisten – das heißt, den Züchtungsfortschritt von Jahrzehnten in einem Jahr erreichen! Und das, denke ich, ist wirklich großartig, auch in Hinblick dessen, unter welchem Druck wir stehen, bessere Pflanzensorten auf den Markt zu bringen.

Frage

Einige fragen sich, wozu weitere Sorten mit NGT gezüchtet werden sollen, wo wir doch so schon viele haben und es uns doch gut zu gehen scheint. Drängt denn die Zeit und mangelt es allgemein an einem Bewusstsein dafür?

Antwort

Noch sind die Supermärkte gefüllt, niemand sieht Bedarf an neuen Technologien, weil ja alles da ist. Aber diese Situation ist nicht selbstverständlich. Das kann sich durchaus in den nächsten Jahren verändern, wenn wir es nicht schaffen, die Züchtung und den Pflanzenschutz voranzutreiben. Die Situation, die wir haben, ist gut, aber wir müssen viel tun, um diese Ernährungssituation für die Zukunft zu sichern. Und das sollte jedem klar sein, der heute in den Supermarkt geht und auch in zehn oder in 20 Jahren noch das einkaufen will, was er jetzt sieht.

Frage

Sie nennen Züchtung und Pflanzenschutz im Zusammenhang der Ernährungssicherung. Aber unsere Nahrungsproduktion soll ja auch nachhaltiger werden. Welche Ansätze halten Sie in dem Zusammenhang für vielversprechend? 

Antwort

Chemische Insektizide sind dafür bekannt, dass sie  wenig nachhaltig sind, die Umwelt belasten und teilweise auch Nützlinge töten können. Eine amerikanische Firma, GreenLight BioScience, hat ein RNA-Insektizid entwickelt, das den Kartoffelkäfer effektiv bekämpft: es wird wie ein konventionelles Insektizid auf die Kartoffelpflanze aufgesprüht. Der Kartoffelkäfer nimmt das RNA-Insektizid beim Blattfraß auf und stirbt ab, weil die RNA in der Lage ist, gezielt ein lebenswichtiges Gen des Kartoffelkäfers abzuschalten – und nur im Kartoffelkäfer! Also eine extrem hohe Spezifität. Das ist in den USA seit 2024 auf dem Markt1. Es ist nicht teurer als ein konventionelles Insektizid und ein Zulassungsantrag wird in Europa erwartet. Ich denke, diese RNA-Pflanzenschutzmittel werden der Pflanzenschutz der Zukunft sein – davon bin ich absolut überzeugt.

Frage

Erläutern Sie bitte, was wir ohne Pflanzenforschung täten, was wir jetzt dafür brauchen und wo Ihrer Meinung nach gerade die größten Herausforderungen liegen! 

Antwort

Ohne Pflanzenforschung würden wir verhungern – auf die lange Sicht. 

Was wir in der Pflanzenforschung jetzt brauchen, ist ein schneller Fortschritt, um unsere Kulturpflanzen an den Klimawandel anpassen zu können und unsere Ernährung zu sichern. Die größten Herausforderungen sind administrativ, die liegen nicht in der Forschung. Die Forschung macht gute Fortschritte, aber wir brauchen eine Gesetzeslage, die erlaubt, die Pflanzen, die wir mit diesen Methoden züchten, auch auf den Markt zu bringen.

 

Das Interview führte Tamara Worzewski

Videointerview mit Gabi Krczal: "Ohne Pflanzenzüchtung würden wir verhungern – auf die lange Sicht."

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