Müssen wir Pflanzen(züchtung) größer denken?
Stephanie FranckBeruf:
Agrarwissenschaftlerin
Position:
Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Pflanzenzüchter e. V. (BDP)
Beruf:
Agrarwissenschaftlerin
Position:
Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Pflanzenzüchter e. V. (BDP)
Um unsere Ernährung langfristig zu sichern, müssen wir das gesamte System um die Pflanze herum ganzheitlicher und vernetzter denken, plädiert die BDP-Vorsitzende Stephanie Franck.
Deutschland hat den lebhaftesten Züchtungssektor in ganz Europa und womöglich sogar weltweit: Der Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter e. V. (BDP) vertritt die Interessen von 59 Pflanzenzüchtungsunternehmen mit eigenen Zuchtprogrammen – vom Kleinbetrieb bis zum Großunternehmen. Diese voneinander unabhängigen Züchterinnen und Züchter bearbeiten 115 Kulturarten und bedienen die Landwirtschaft nicht nur in der gemäßigten Klimazone, sondern rund um den Planeten. Die auf quantitative Genetik und Pflanzenzüchtung spezialisierte Agrarwissenschaftlerin Stephanie Franck erläutert im Interview die Herausforderungen der Pflanzenzüchtung, und was Pflanzenzüchtende fordern.
Frau Franck, warum ist Pflanzenzüchtung denn wichtig und wozu werden ständig neue Pflanzen gezüchtet, wenn wir doch schon so viele Sorten haben?
Pflanzenzüchtung ist so wichtig, weil Pflanzen so wichtig sind! Pflanzen bilden unsere Lebensgrundlage, ohne Pflanze kein Mensch! Pflanzen liefern uns die „vier F“: Food, Feed, Fiber und Fuel – also: Ernährung, Futter, Material und Treibstoffe. Das Wichtigste ist dabei nicht aufgezählt: das ist der Sauerstoff. Pflanzen liefern uns die Vier plus Sauerstoff, und deswegen ist die Pflanzenzüchtung eine der Lebensgrundlagen, die wir haben.
Es werden ständig neue Pflanzen gezüchtet, weil sich die Umweltanforderungen und Marktbedürfnisse ändern. Das sind die zwei wesentlichen Gründe. Der Klimawandel ist wohl das prominenteste Beispiel für sich ändernde Bedingungen. Es wird nicht nur wärmer, sondern unsere Wettermuster werden variabler. Daran müssen wir unsere Kulturpflanzen anpassen. Es gibt ganz neue Schädlinge und Krankheitserreger und die bereits Bekannten entwickeln sich weiter. Gleichzeitig verändern sich die Anforderungen des Marktes. Zum Beispiel wird pflanzliche Ernährung sehr viel wichtiger. Dafür züchten wir!
Was sind derzeit die „Hot Topics” der Pflanzenzüchtung?
Die Hot Topics in der Pflanzenzüchtung sind ganz sicher Toleranzen, Resistenzen und Qualitäten: Unter Toleranzen verstehen wir vor allem die Fähigkeit der Pflanze, mit abiotischem Stress umzugehen, wie Hitze, Trockenheit, Kälte oder Nässe. Resistenzen sind spezifische Abwehrmechanismen gegen spezielle Schaderreger. Wir brauchen zudem Pflanzen, die insbesondere die Proteinernährung voranbringen. Aber wir haben auch veränderte Qualitätsanforderungen bei Kulturpflanzen, die wir schon sehr lange kennen. Beispiel Weizen: Der soll trotz verringerter Stickstoffdüngung eine vergleichbar gute Backqualität aufweisen.
Kann unsere Landwirtschaft gleichzeitig nachhaltiger und wirtschaftlicher werden?
Nachhaltigkeit und ökonomische Effizienz in der Landwirtschaft müssen Hand in Hand gehen und können das auch. Ein gutes Beispiel ist die Reduzierung von Düngemittel- und Pflanzenschutzmitteleinsatz. Das ist ja das, was wir gesellschaftlich anstreben. Wenn das klappt, ist es auch wirtschaftlicher. Es hat aber Voraussetzungen. Eine der wesentlichsten Voraussetzungen ist, dass es die passende Pflanzengenetik gibt, also das passende Ergebnis der Pflanzenzüchtung: die passende Sorte, die in der Lage ist, mit einem verringerten Pflanzenschutzmittel-Einsatz umzugehen und die im günstigen Fall auch eine verbesserte Nitrat- oder Phosphor-Effizienz hat, so dass wir im Idealfall auch weniger düngen können.
Unsere Ernährung langfristig zu sichern, ist eine komplexe Herausforderung. Der BDP will, dass Pflanzenzüchtung in einem ganzheitlicheren Bild begriffen wird und bewirbt das Konzept „Innovationssystem Pflanze”. Was steckt dahinter was genau brauchen wir, wenn wir die Pflanzenzüchtung größer denken sollen?
Das „Innovationssystem Pflanze“ betrachtet den gesamten Rechtsrahmen, den die Pflanzenzüchtung braucht, aber den auch die anderen Elemente brauchen, die sich mit Pflanzen beschäftigen. Das Ziel des Innovationssystems Pflanze ist das pflanzliche Produkt, das der Landwirt erntet, das dann von der Lebensmittelindustrie zu Nahrungsmitteln verarbeitet wird. Unser Ziel sind gefüllte Teller. Und damit das funktioniert, müssen sehr viele Elemente kohärent ineinandergreifen. Wir brauchen die richtige Forschung, die zum Beispiel voraussieht, welche neuen Schädlingserreger wir aufgrund des Klimawandels bekommen werden, und eine Finanzierung, die diese Forschung bezahlt. Wir brauchen den Zugang zu genetischen Ressourcen, wo wir möglicherweise neue Resistenzen oder Toleranzen finden, und die Möglichkeit, dass die Pflanzenzüchtung diese Ergebnisse aufgreift und in Produkte umwandelt. Dann brauchen wir eine Saatgutvermehrung, bei der neue Sorten in Form von Saatgut und Pflanzgut auch beim Landwirt verfügbar sind, sehr viel Ausbildung und Beratung, damit diese Dinge zusammen gehen, und einen kohärenten Rechtsrahmen, der zum Beispiel auch ermöglicht, dass die Züchter ihre sehr hohen Investitionen zurück verdienen, damit sie in weitere Züchtung investieren können. Da spreche ich ganz speziell den Sortenschutz an, aber auch was begleitende Industrien machen: Düngung und Pflanzenschutz. Nicht nur, damit wir unter guten Bedingungen Saat- und Pflanzgut produzieren. Es gibt auch Probleme, die die Pflanzenzüchtung nicht oder nicht zeitnah lösen kann! Deswegen müssen diese Elemente Hand in Hand gehen. Besonders wünschen wir uns, dass Politik das gesamte System in den Blick nimmt und nicht immer nur kleine Einzelteile.
Was brauchen Pflanzenzüchterinnen und Pflanzenzüchter in Europa, und was fordern sie von der Europäischen Union?
Wir Pflanzenzüchter in Europa brauchen auf jeden Fall drei Dinge von der Europäischen Union: Das eine ist ein funktionales PRM-System, „Plant Reproductive Material“. Eine Verordnung ist gerade in der Überarbeitung auf europäischer Ebene. Das ist das Saatgut-Verkehrsrecht, unser zentrales Regelungswerk. Zweitens brauchen wir einen funktionierenden Sortenschutz, der es tatsächlich erlaubt, dass wir die Nachbaugebühren bekommen, und zwar ohne Konflikte mit unseren Partnern in der Kette, und ohne Konflikt mit der Landwirtschaft. Dieses Problem muss jetzt einfach gelöst werden! Und drittens brauchen wir ein taugliches Zulassungssystem für neue Züchtungstechniken bzw. die Produkte daraus. Das sind die Hauptelemente, die wir Pflanzenzüchter von der Europäischen Union jetzt fordern.
Interview: Tamara Worzewski